Mein Gott, endlich, möchte man schreien, wenn man so in die Medienlandschaft von heute guckt, da war doch echt zu lesen, “Nach vielem Hin und Her einigt sich die Regierungskoalition auf eine Forderung nach einer internationalen Finanztransaktionssteuer.”
Orly? ist ja jetzt nicht so, dass Attac und etwas verantwortungsvollere Ökonomen sowas schon seit knapp 40 Jahren fordern. Ihr verzeiht aber, wenn ich da trotzdem meine Zweifel hege, und zwar aus politischen sowie aus wirtschaftlichen Gründen. Nochmal für alle zum mitschreiben, ja ich bin für eine Finanztransaktionssteuer ich schreibe hier bloß meine Bedenken und Anmerkungen dazu nieder, k?
Politisch:
1. es ist bisher nur die “Einigung auf die Forderung”, also warscheinlich will man (die CDU vor allem) hier Boden gut machen, den man mit so 750Milliarden “Rettungspaketen” (Rettungspacket ist das neue Geldverbrennen) z.B. in NRW verloren hat. Forderungen gibts wie Sand am Meer, Mindestlohn bei der SPD, Abzug aus Afghanistan bei den Grünen, die Steurreform und die dazugehörige Erklärung, die auf einen Bierdeckel passt bei der FDP, BGE bei den Linken, eine reine Forderung ist für mich nicht mehr als das Übliche “seht her wir tun doch was” Gelaber, die Presse lässt das alles ganz toll aussehen, aber dem Gelaber folgt meistens leider keine Umsetzung, oder haben wir irgendwas von diesen oben erwähnten “Forderungen” bereits? Wenn ihr wissen wollt, was demnächst so ab geht, schaut euch lieber die Dementi der Politiker an “Kein Geld für Griechenland”, “Keine Bad bank” (dabei haben wir jetzt bald eine ganz tolle große Bad Bank, die heisst EZB, die kaufen grade alle Wertlosgiftpapiere) usw.
2. man wird 1000000 Gründe finden warum das jetzt doch nicht geht, und dann wie z.B. bei der Bankenabgabe fadenscheinige Konstrukte bauen die zwar keine Lösung darstellen aber Trostpflaster für den Pöbel. Die Bankenabgabe z.B. kann die jeweilige Bank von der Steuer abgesetzten (1Milliarde pro Jahr für alle Banken zusammen) und in nur 150 Jahren, wären wir für einen kleinen Bankencrash gerüstet, für ein bailoutpacket von 750 Milliarden (so es denn fällig wird) würden wir nur ca. lockere 500 Jahre mehr brauchen, also dann ist ja alles in Butter, schon im Jahre 2660 des Herrn wären wir aber sowas von gerüstet für den totalen Crash, also aber sowas von bereit wären wir dann, bereiter gehts gar nicht.
Das Trostpflaster für diese Aktion hier ist auch schon in der Schublade und heisst “Finanzaktivitätssteuer”
dabei wird gar nichts reguliert sondern nur ein bisschen Steuer auf die Gewinne und Gehaltszahlungen von Bankern erhoben, da diese aber sowieso in der Regel nicht in Deutschland Steuern zahlen oder den Zumwinkel machen oder evtl. über Boni dieses System übergehen, ist das wieder mal nur eine Alibimaßnahme.
3. Ist euch eigentlich aufgefallen, dass in der Formulierung auch steht internationale Finanztransaktionssteuer? Da fällt mir spontan die alte Merkel Taktik ein, die sie vom Bimbeskanzler gelernt hat. Ist euch schonmal aufgefallen, dass sie oft Sätze mit “Wir müssen alle zusammen” oder “Gemeinsam” oder “Nur durch gemeinsame Anstrengungen” etc. anfängt, das ist sehr bequem, denn hinterher kann man sich hinstellen und sagen. “Ja also wir wären ja für die Forderung gewesen aber x und y (in dem Fall z.B. London) wollten dann doch nicht und man hätte dann keine Mehrheit bekommen” blah. Das ist eine alte Taktik die auch die SPD schon so beim Mindestlohn angewandt hat (sie hätten die Mehrheit gehabt allerdings war der Koalitionspartner nicht einverstanden und bevor man streiten muss lässt man das dann lieber). Ich wette ein Bier, dass wir das demnächst wieder sowas in der Art in 1A Perfektion erleben werden. Übrigens, Sowohl die Parlamente von Frankreich als auch Belgien haben die Einführung der Tobin-Steuer beschlossen, allerdings nur, wenn alle EU-Mitgliedsländer diese einführen, here we go.
Wirtschaftlich:
Grundsätzlich ist die FTS aus meiner Sicht eine sinnvolle MAßnahme, allerdings gibt es natürlich auch bei solchen Sachen wirtschaftliche Ecken und Kanten. Hans Eichel (SPD) sagte 2001 mal “Die Tobin-Steuer könnte nur funktionieren, wenn sie in allen Ländern der Welt eingeführt wird. Das ist illusorisch.” Was meine Theorie bezüglich der Dementi auch wieder bestätigt und an solchen Aussagen kann man auch sehen, wie lange das Thema schon gärt.
Die Aussage von Eisenhans selbst ringt mir ein klares “JEIN” ab, folgendes ist bei der Tobinsteuer aus wirtschaftlicher Sicht zu beachten…
1. Die zu erwartenden Milliardeneinnahmen (also die Riesenzahlen von bis zu 200 Milliarden im Jahr), die von Befürwortern der Tobinsteuer/Finanztransaktionssteuer ins Feld geführt werden, werden warscheinlich um ein Vielfaches geringer ausfallen als angenommen, der Markt wandert dann nämlich eben ab, denn wenn ich hier keine Kohle mehr mit z.B. Devisenhandel machen kann, dann zieh ich eben mit meiner Kohle nach Japan oder in die USA um. Oder was glaubt ihr warum auf den ganzen Offshore Inselchen so viele Banken rumstehen? Deswegen, wäre es auch so enorm wichtig sich Gedanken darüber zu machen, was z.B. mit England passiert, die wären meiner Meinung nach im Arsch, deren “Wirtschaftswachstum” findet nur noch auf dem Papier statt, wenn dort das Kapital dann abwandert, müssen wir dann ein Bailoutprogramm für GB auflegen oder werden dann die 750 Phantommilliarden fällig? Und zwingen wir die dann in den Euroraum? Deswegen haben die übrigens auch gerade da gar keinen Bock drauf.
2. Dann wären da noch so 2- 71285 andere Detailfragen offen. Wie soll das Geld verteilt werden? Die Steuer würde nur an den Finanzplätzen enstehen, also Frankfurt, London, etc. was ist mit den Griechen oder Polen, kriegen die nix? Und warum sollten die dann zustimmen, wenn sie nichts davon haben? Wird Obama mitziehen, der ja selbst nur Präsident von Bänkersgnaden zu sein scheint? Ich weiss, dass eine Menge Ökonomen gegen eine isolierte Einführung dieses Instruments in Europa sind, und es noch 100Fragen gibt, da der Teufel , wie immer, im Details steckt und man enorme Verluste gegenüber dem “Rest der Welt befürchtet”, wie ich schon mal geschrieben habe, der erste der den Kopf rausstreckt bekommt ihn warscheinlich abgemäht, aber auf der anderen Seite, irgend einer muss Anfangen, sonst wird das nichts und ich glaube dazu fehlt allen der Mut.
3. Was ich aus Wirtschaftlicher Sicht aber auch befürchte, ist, dass in dieser ganzen Debatte der wesentliche Punkt übersehen wird. Selbst wenn die ganzen positiven Effekte der FTS eintreten (es gibt keinen Praktischen Test, dass die Liquidität tatsächlich zurückgeht und die Volatilität abnimmt etc.) und auch die befürchteten Negativen Effekte ausbleiben (ich schreibe bewusst “die befürchteten”, weil viele der Argumente der Gegner, vornehmlich Banken, sind blanke Angstmacherei) Z.B., dass das Risikomanagement durch die Wertverzerrung schwieriger wird, welches Risikomanagement? Das Risiko der Banken wurde bisher immer durch den Steuerzahler aufgefangen, wir haben Bad Banks für die der Staat haftet, der nächste der mit so einem Argument kommt, den dreh ich durch den Wolf! Oder auch, dass, “das Kapital gesamtwirtschaftlich nicht mehr optimal eingesetzt wird und letztlich so auch der realwirtschaftliche Investitionsprozess gestört wird” WOOT??? Ich fange jetzt nicht an das zu kommentieren, ich hoffe jeder hier hat soviel Hirn zu erkennen was für ein ausgemachter Scheißdreck das Argument ist und wenn nicht, kann er gern bei mir nachfragen. Selbst dann wenn all das positive hoffentliich Eintritt und das Negative ausbleibt, selbst dann gibt es noch Bedenken.
Meine wichtigste Sorge ist, dass dabei vergessen wird, dass die FTS nicht die Ursache der derzeitigen Probleme lösen kann.
Kurzfristig orientierte Spekulanten waren ja auch nicht unbedingt der Auslöser der Krise. Die Blasen bauen sich langsam auf, die Probleme liegen in der bilanzierten Bewertung und dem Rating bestimmter Papiere, die Immobilienblase z.B. entstand durch CDOs über Jahre, sowie dadurch, dass Risiken von Credit Default Swaps (CDS) anders als erwartet nicht zu Marktteilnehmern, die diese besser tragen konnten, übertragen wurden. Die Ausfälle einzelner Papiere und schließlich der Zusammenbruch des gesamten CDO-Marktes wurden nicht durch kurzfristige Handelsaktivitäten ausgelöst und hätten durch eine Finanztransaktionssteuer nicht gebremst oder verhindert werden können. Ähnliches gilt für den CDS-Markt oder auch für Abakus Deals a la Goldman Sachs, bei denen die eigenen Kunden abgezogen werden etc. etc.
Wenn ich es in einen Satz packen müsste, dann ist der dickste Kern des Problems immer noch, dass unsere Politik den Banken und anderen Marktteilnehmern ermöglicht zu spekulieren ohne das Risiko selbst zu tragen! Und davon lenkt die FTS im Moment, so gut ich sie finde, einfach ab!
In other words die FTS ist wäre ein erster Schritt in (aus meiner Sicht) die richtige Richtung, aber man darf auf keinen Fall vergessen, dass hier wieder nur Symptombekämpfung stattfindet. Und wir die gleichen Probleme wieder und wieder haben werden, sofern sich strukturell nichts ändert. Ausserdem zweifle ich auch stark daran, dass selbst wenn alles klappt unsere Politiker etwas Sinnvolles mit dem Geld anstellen würden ![]()

TL/DR Finanztransaktionssteuer hooray, so sie denn käme (woran der Autor zweifelt). Sie löst aber nicht die Essentiellen Probleme der Krise und der Wirtschaft.


